In der EU verdienen Frauen pro Stunde deutlich weniger als Männer. Eine EU-Richtlinie, die den Arbeitsmarkt fairer machen soll, muss von den Mitgliedstaaten bis Sonntag umgesetzt werden. Wie sieht es damit aus? Von Sabine Bohland, Dirk Lipski Kartons über Kartons laufen an einem langen Band, darin Kartoffelpüree. Das Unternehmen Mousline stellt es seit den 1960er-Jahren her, in verschiedenen Varianten. Die Fabrik liegt im französischen Rosières-en-Santerre in der Picardie, etwa hundert Kilometer nördlich von Paris. Seit längerem setzt man hier auf transparente Gehälter - nicht selbstverständlich in Frankreich. Im Eingang hängt eine Tabelle mit den unterschiedlichen Gehaltskategorien, ohne Namenszuordnung. Céline Demazure arbeitet hier als Entwicklungstechnikerin an Rezepten und neuen Kartoffelpüree-Sorten. Sie ist ein bisschen stolz darauf, dass ihr Arbeitgeber eine Vorreiterrolle in Sachen Lohngerechtigkeit einnimmt: "Dies ist das erste Unternehmen, in dem ich arbeite, in dem die Gehaltstabellen mit allen Koeffizienten aushängen und für alle einsehbar sind. In den Unternehmen, in denen ich zuvor gearbeitet habe, gab es das nicht", sagt sie. Wie macht man unterschiedliche Arbeit vergleichbar? Entscheidend ist, wie diese Liste erstellt wurde. Denn dahinter müssen Fragen beantwortet werden: Wie macht man unterschiedliche Arbeit miteinander vergleichbar? Wie bewertet man Berufserfahrung und Qualifikation fair? Geschäftsführer Philippe Fardel steht hinter der Lohntransparenz. Bis vor dreieinhalb Jahren gehörte das Unternehmen zur Nestlé-Gruppe. Fardel kaufte es aus dem Riesenkonzern heraus. Seitdem ist Mousline mit seinen 180 Mitarbeitern - fast gleich viele Männer und Frauen - unabhängig. Der Chef ist froh, dass er die Vorgaben der europäischen Entgeldtransparenz-Richtlinie nicht neu einführen musste, sondern auf die bestehenden Strukturen eines Konzerns zurückgreifen konnte. Fardel weiß, welche bürokratischen Hürden bei der Umsetzung dieser Vorgaben nun auf viele Betriebe zukommen: "Für Unternehmen, die dies jetzt umsetzen müssen, besteht ein Risiko sozialer Spannungen. Zuerst muss man alles in Kategorien einordnen, sei es nach Geschlecht, Alter, Erfahrung oder was auch immer. Das ist nicht immer einfach." Fristende für Umsetzung am Sonntag Vor drei Jahren, am 10. Mai 2023, wurde die EU-Entgelttransparenz-Richtlinie verabschiedet. Sie schreibt unter anderem vor, dass Firmen in Stellenausschreibungen das eingeplante Gehalt angeben. Außerdem sollen Beschäftigte im Vergleich zur heutigen Rechtslage mehr Auskunftsansprüche zu den Gehaltsstrukturen in ihrem Unternehmen bekommen. Größere Firmen müssen darüber auch Berichte veröffentlichen. Bis zu diesem Sonntag haben die Mitgliedsländer Zeit, das in nationales Recht umzusetzen. Zwei Arten von Messmethoden Für den Gehaltsvergleich gibt es zwei unterschiedliche Messmethoden: den unbereinigten und den bereinigten Gender Pay Gap. Der unbereinigte Gender Pay Gap vergleicht Durchschnittsverdienste von Männern und Frauen. Er spiegelt strukturelle Ungleichheiten, zeigt die Auswirkungen davon, dass Frauen häufiger in schlechter bezahlten Branchen arbeiten, seltener Führungspositionen besetzen und oft Teilzeitstellen haben. Er sagt allerdings nichts darüber aus, dass Frauen für dieselbe Arbeit weniger bekommen. Genau das untersucht der bereinigte Gender Pay Gap. Er rechnet die strukturellen Unterschiede heraus und ist deshalb kleiner. Gender Pay Gap in Deutschland besonders groß Beide Werte sind wichtig: Der unbereinigte Gender Pay Gap liefert Hinweise darauf, wie sich ein unterschiedliches Rollenverständnis von Männern und Frauen auswirkt. Der bereinigte Wert hingegen entlarvt die unmittelbare Ungerechtigkeit beim Lohn. In Deutschland ist die Ungleichheit mit einer unbereinigten Lohnlücke von 15,6 Prozent im europäischen Vergleich besonders groß. Selbst bereinigt, also bei absolut gleicher Arbeit, verdienen Frauen hierzulande rund sechs Prozent weniger als Männer. Frankreich bewegt sich mit rund 11,8 Prozent dagegen ziemlich genau im europäischen Mittelfeld: In der Europäischen Union verdienten 2024 Frauen durchschnittlich 11,1 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Richtlinie nur von Italien umgesetzt Die Umsetzung der Richtlinie lässt in fast allen europäischen Staaten auf sich warten. Laut Presseberichten hat nur Italien sie vollständig umgesetzt. Am Freitag gab der französische Arbeitsminister Jean-Pierre Farandou bekannt, dass ein entsprechender Gesetzentwurf dem Parlament bis Sonntag vorgelegt werden soll. "Wir haben uns Zeit für Konsultationen genommen. Deshalb liegen wir etwas hinter dem europäischen Zeitplan zurück", erklärte er und fügte hinzu: "Die Regierung hat versucht, einen Ausgleich zwischen den Positionen aller Parteien zu finden." Beim französischen Kartoffelpüree-Hersteller Mousline ist man weiter. Es sei zwar nicht immer alles rosig, meint Geschäftsführer Fardel, aber im Großen und Ganzen doch im grünen Bereich. Das Arbeitsklima sei gut, die Bezahlung fair - und vor allem für alle transparent nachvollziehbar. Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin - am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten. Mehr Informationen auch im Podcast punktEU: "Gender Pay Gap - so will die EU die Lohnlücke schließen" bei ardsounds.de.
Vorgaben der EU: Schließt sich der Gender Pay Gap in Europa?
In der EU verdienen Frauen pro Stunde deutlich weniger als Männer. Eine EU-Richtlinie, die den Arbeitsmarkt fairer machen soll, muss von den Mitgliedstaaten bis Sonntag umgesetzt werden. Wie sieht es damit aus? Von Sabine Bohland, Dirk Lipski Kartons über Kartons laufen an einem langen Band, darin
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