Vor drei Jahren wurde in der Ukraine der Kachowka-Staudamm gesprengt. Wo früher ein Stausee war, ist überraschend schnell ein Wald gewachsen. Doch die Folgen, die zahlreiche Wissenschaftler erforschen, sind dramatisch. Von Florian Kellermann Der Kachowka-Staudamm in der südlichen Ukraine war einer der größten in Europa. Vor genau drei Jahren wurde er gesprengt - nach Recherchen unabhängiger Journalisten mutmaßlich durch Russland. Moskau gibt bis heute der Ukraine die Schuld. Der Stausee bei Kachowka war 240 Kilometer lang und an manchen Stellen über 20 Kilometer breit. Über 18 Milliarden Kubikmeter Wasser setzten sich nach der Sprengung in Bewegung - die Folgen konnte man damals nur erahnen. "Da, wo der Stausee war, wachsen jetzt sieben Meter hohe Bäume", erzählt der ukrainische Biologe Oleksij Wasyljuk, Mitarbeiter am Institut für Zoologie der Nationalen Akademie der Wissenschaften. "Wenn uns das damals jemand gesagt hätte, dass so ein riesiges Objekt innerhalb so kurzer Zeit völlig mit Wald bedeckt sein würde, hätten wir geantwortet: So etwas gibt es nicht. Aber es zeigte sich: Das geht." Schlimmste ökologische Folgen ausgeblieben Die Ukraine versucht nun, die Folgen der Katastrophe zu erforschen - die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen. Der Staat hat etwa 40 Wissenschaftler mehrerer wissenschaftlicher Institute damit beauftragt. Ein Mammutprojekt, sagt dessen Leiterin Natalija Osadtscha, ebenfalls Mitarbeiterin der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Die schlimmsten ökologischen Folgen, die man vor drei Jahren befürchtete, seien ausgeblieben, sagt sie. Das betreffe etwa den Boden des ehemaligen Stausees: "Wir haben schon früher untersucht und berechnet, wie groß die Menge der Schwermetalle ist, die sich über die Jahrzehnte in den Bodensedimenten angesammelt hatte. Das waren viele Tonnen." Die Flutwelle habe die oberen Schichten der Bodensedimente aufgewirbelt und hinweggespült. Im Schwarzen Meer habe man das dann gesehen, "eine Art dünne Schicht auf dem Wasser". Wasser entwich nach und nach durch Flaschenhals Angst hätten die Wissenschaftler davor gehabt, dass der Wind die verbliebenen Sedimente wegträgt und verteilt, erklärt Osadtscha. "Aber das war Schlick, aus dem beim Trocknen Bodenformen entstanden sind, die dem Takyr-Boden ähneln." Also dem verkrusteten Boden in zentralasiatischen Halbwüstengebieten. Positiv habe sich auch ausgewirkt, dass das Wasser aus dem Stausee an einer begrenzten Stelle - wie durch einen Flaschenhals - entwich, so die Wissenschaftlerin. Das passierte nicht in ganz kurzer Zeit. Kein sauberes Trinkwasser Besonders wichtig sind für die Wissenschaftler die langfristigen wirtschaftlichen und sozialen Folgen. Der Süden der Ukraine ist wasserarm. Der Kachowka-Stausee sei für die Menschen dort lebenswichtig gewesen, so Osadtscha. "Etwa 1,8 Millionen Menschen hatten erst einmal keine Trinkwasserversorgung mehr. Der Staat hat einiges unternommen, um dafür Übergangslösungen zu finden - an vielen Orten aber mit Wasser minderer Qualität." Das gelte vor allem für die Region Krywyj Rih. "Dort kommt nur Gebrauchswasser aus der Leitung." Wasser mit Trinkqualität gebe es nicht aus der Leitung. Für die Menschen bedeutet das: Sie müssen weiterhin Trinkwasser im Einzelhandel kaufen. Zerstörtes Bewässerungssystem Noch schlimmer sind die Folgen für die Landwirtschaft. Im Süden der Ukraine gibt es eigentlich fruchtbare Schwarzerde. Aber: "Das Bewässerungssystem ist völlig zerstört, nichts wird bewässert", erklärt die Wissenschaftlerin. "Aber durch die russische Besatzung im Süden der Ukraine ist die Zahl der Anbauflächen für alle möglichen Kulturen ohnehin stark gesunken." Auch für das Atomkraftwerk bei Saporischschja, das derzeit von Russland besetzt ist, gebe es gravierende Folgen. Es könne ohne die Kühlung aus dem Stausee nicht betrieben werden, so Osadtscha. Im Moment sind die Reaktoren des AKW abgeschaltet. Wiederaufbau derzeit undenkbar Wie es mit dem betroffenen Teil der Ukraine weitergeht, ist im Moment völlig unklar. Die Wasserversorgung könnte aus anderen Vorkommen gedeckt werden, meint Osadtscha, etwa aus einem anderen Stausee am Dnipro weiter nordöstlich. Investitionen in neue Kanäle wären nötig. Die Wissenschaftlerin schlägt vor, den Kachowka-Stausee wieder herzustellen, in kleinerem Umfang. Doch das ist auf absehbare Zeit undenkbar, da sich hier auf den beiden Seiten des Dnipro die ukrainische und die russische Armee gegenüberstehen.
Drei Jahre nach Kachowka-Sprengung: Zwischen Wald und Wassermangel
Vor drei Jahren wurde in der Ukraine der Kachowka-Staudamm gesprengt. Wo früher ein Stausee war, ist überraschend schnell ein Wald gewachsen. Doch die Folgen, die zahlreiche Wissenschaftler erforschen, sind dramatisch. Von Florian Kellermann Der Kachowka-Staudamm in der südlichen Ukraine war einer d
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