Nach der KI-Rally hat sich an den Börsen Ernüchterung breitgemacht. Der DAX startet tiefer in den Tag. Ansonsten warten Investoren auf neue Entwicklungen im Nahen Osten und US-Jobdaten am Nachmittag. Schwache Vorgaben aus den USA und Asien bescheren dem DAX zu Handelsbeginn Verluste. Der deutsche Leitindex ist 0,2 Prozent tiefer gestartet - bei 24.863 Punkten. Am Feiertag hatte er noch um 0,6 Prozent zugelegt. Vor allem Halbleiterwerte leiden nach ihrer KI-Rally unter Gewinnmitnahmen - nach einem enttäuschenden Ausblick des Chip-Herstellers Broadcom. Anders als erhofft hat das US-Unternehmen die Umsatzprognosen für 2026 und 2027 im Bereich Künstlicher Intelligenz (KI) nicht erhöht. Am Frankfurter Aktienmarkt geben daher die Papiere von Infineon erneut nach. Beim Halbleiter-Konzern aus dem DAX steht aktuell ein Minus von mehr als fünf Prozent. KI-Messlatte liegt hoch Die Messlatte, um immer wieder für positive Überraschungen zu sorgen, liege mittlerweile hoch, kommentierte Blayne Curtis vom Analysehaus Jefferies. Stacy Rasgon von Bernstein Research geht davon aus, dass die KI-Aktien vorerst eine Pause einlegen. Am Donnerstag brachen die Broadcom-Papiere um 12,6 Prozent ein. Das zog auch andere Chip-Aktien und den US-Technologieindex Nasdaq 100 mit nach unten. Auch in Asien wurde die Tech-Euphorie gedämpft, sodass die Investoren Gewinne mitnahmen. Der technologielastige südkoreanische Kospi rutschte um 5,3 Prozent ab. In Tokio verlor der japanische Leitindex Nikkei 1,3 Prozent auf 66.588 Punkte. Verlangsamung dieser Entwicklung wäre "eine gute Sache" Marktanalyst Timo Emden von Emden Research verwies in dem Zusammenhang auch auf den anstehenden Börsengang von Space X, der zum ersten großen Stresstest für die KI-Rally werden dürfte. "Die Platzierung könnte zum Gradmesser werden, wie viel Risikokapital nach Jahren der KI- und Technologierally noch mobilisiert werden kann." Anlegerinnen und Anleger könnten in den kommenden Handelstagen Risikokapital umschichten und zusätzliche Liquidität zurückhalten. In dem Zuge sorgt heute auch ein Vorschlag von Anthropic für Aufmerksamkeit. Das Unternehmen, bekannt für sein Modell Claude, fordert eine weltweite Pause bei der KI-Entwicklung und warnt vor den Risiken. So könnten die Modelle bald in der Lage sein, sich selbst zu verbessern - und damit am Interesse der Menschen vorbei zu agieren. Eine Verlangsamung dieser Entwicklung wäre "eine gute Sache, um allen die Zeit zu geben, die immensen Auswirkungen wirklich einschätzen zu können." Pattsituation in Nahost und US-Jobdaten erwartet Auch die ins Stocken geratene Friedensvermittlung der US-Regierung im Nahen Osten dämpft derweil die Risikobereitschaft der Investoren. Die von Iran unterstützte Hisbollah-Miliz lehnte eine Waffenruhe im Libanon ab, während Israel einen Truppenabzug ausschloss. Iran macht ein Ende der israelischen Angriffe im Libanon zur Bedingung für ein Friedensabkommen mit den USA. Darüber hinaus warten die Anlegerinnen und Anleger heute auf den amerikanischen Arbeitsmarktbericht für Mai, der am Nachmittag veröffentlicht wird. Da die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) verpflichtet ist, für einen robusten Jobmarkt zu sorgen, spielen die Daten eine wichtige Rolle für die Geldpolitik dort. Zuletzt hatte sich der Arbeitsmarkt als robust erwiesen. Das spricht für eine Zinserhöhung im Laufe des Jahres, um die gestiegene Inflation einzudämmen. Bei der Arbeitslosenquote wird nun "mit einem unverändert niedrigen Niveau von 4,3 Prozent gerechnet", heißt es von der Helaba. Ein starker Bericht werde noch keine Zinsanhebung in den USA auslösen, schreibt Analyst Jochen Stanzl von der Consorsbank. "Allerdings könnte er der sprichwörtliche Tropfen sein, der das Fass in Sachen Zinsangst zum Überlaufen bringt." Ein robuster Arbeitsmarkt könne "das Zinsgespenst an die Börsen zurückkehren" lassen. Deutsche Autobauer verlieren Umsatz und hinken hinterher Heute außerdem die deutschen Autohersteller im Fokus. Nach einer Analyse der weltweit 19 größten Autobauer durch die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY hinken sie zum Jahresbeginn der internationalen Konkurrenz hinterher. So sind die Umsätze von Volkswagen, Mercedes und BMW von Januar bis März im Vergleich zum Vorjahr um mehr als vier Prozent gesunken - während die ausländischen Wettbewerber gemeinsam auf steigende Einnahmen kamen. Ein Umsatzplus von 6,7 Prozent verzeichneten dabei die beiden anderen europäischen Hersteller Stellantis und Renault. US-Hersteller konnten um fünf Prozent zulegen, japanische Autobauer um 4,3 Prozent. Dagegen verbuchten die chinesischen Autohersteller ein Minus von 1,4 Prozent. Ein Grund für das deutliche Gewinnwachstum der US-Hersteller seien neben der Abschirmung des US-Markts gegen Produkte aus dem Ausland unter anderem teilweise gekippte Einfuhrzölle, die zu hohen Rückzahlungen an die Hersteller führten, sagte EY-Autoexperte Constantin Gall. "Die gesamte deutsche Autoindustrie befindet sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel: wegfallende Auslandsmärkte, teure Überkapazitäten, hohe Software-Investitionen und ein langsamer Hochlauf der Elektromobilität belasten die Ergebnisse", sagte Gall.